Die Digi­ta­li­sie­rung war das Thema der Stunde zum Zeit­punkt der ersten Erhe­bung Moni­tor «Daten­ge­sell­schaft und Soli­da­ri­tät» anfangs 2018. Keine Tagung, kein Semi­nar, das sich nicht irgend­wie mit den Folgen des digi­ta­len Wan­dels beschäf­tigte. Die Digi­ta­li­sie­rung, die in der Zeit davor vor allem als tech­ni­sches Inno­va­ti­ons­thema galt, wurde ab Mitte der Zeh­ner­jahre zuneh­mend als Trei­ber eines grund­le­gen­den Wan­dels von Wirt­schaft und Gesell­schaft wahr­ge­nom­men. Gut quan­ti­fi­zie­ren lässt sich dies auch in der Reak­tion der Poli­tik: Eine Ana­lyse der par­la­men­ta­ri­schen Vor­stösse von sotomo hat gezeigt, dass es in der zwei­ten Hälfte der 2010er-Jahre zu einer bei­nahe explo­si­ons­ar­ti­gen Zunahme von par­la­men­ta­ri­schen Vor­stös­sen zu dieser The­ma­tik gekom­men ist. Zugleich wurde der Digi­ta­li­sie­rungs­be­griff weit häu­fi­ger als zuvor in einen gesell­schaft­li­chen und vor allem auch wirt­schaft­li­chen Kon­text gestellt. Doch warum wurde die Digi­ta­li­sie­rung, die seit Jahr­zehn­ten die Gesell­schaft ver­än­dert, gerade damals zu einem der­ar­ti­gen Trend­thema? Ent­schei­dend hier­für war ein Inno­va­ti­ons­schub ins­be­son­dere im Bereich der künst­li­chen Intel­li­genz (KI), der erst­mals die her­aus­ge­ho­bene Rolle des Men­schen auf brei­ter Front in Frage stellte. Eine neue Rea­li­tät mit selbst­steu­ern­den Autos, syn­the­ti­scher Sprach­er­ken­nung, Algo­rith­men und Bots warf Fragen über die Ersetz­bar­keit des Men­schen in immer grös­se­ren Teilen der Wirt­schaft, aber auch über Kon­trolle, Fremd­steue­rung und Ent­so­li­da­ri­sie­rung auf­grund einer immer umfas­sen­de­ren digi­ta­len Lebens­ver­mes­sung auf. Die Pro­ble­ma­tik des mas­sen­haf­ten Daten­sam­melns gip­felte im 2018 auf­ge­deck­ten Skan­dal um Cam­bridge Ana­ly­tica und Face­book in Zusam­men­hang mit der uner­laub­ten Wei­ter­gabe psy­cho­lo­gi­scher Pro­file zur Beein­flus­sung von Wahl­ent­schei­den.

Schon einmal, näm­lich in den späten 1990er-Jahren, gab es eine Phase, in wel­cher der trans­for­ma­tive Cha­rak­ter der Com­pu­te­ri­sie­rung für Gesell­schaft und Wirt­schaft das öffent­li­che Bewusst­sein prägte. Damals waren es die Erfin­dung und rasante Ver­brei­tung des Inter­nets, die dieses Bewusst­sein weck­ten und die Trend­be­griffe «Infor­ma­ti­ons­ge­sell­schaft» sowie «New Eco­nomy» präg­ten. Der dama­lige Inno­va­ti­ons­schub wurde aller­dings eher als Erwei­te­rung der mensch­li­chen Mög­lich­kei­ten und weni­ger als Bedro­hung der mensch­li­chen Vor­macht­stel­lung und des gesell­schaft­li­chen Zusam­men­halts wahr­ge­nom­men. Das Plat­zen der Dot-Com-Blase im Jahr 2000 setzte der Debatte dann ein jähes Ende. Wenn wir heute zurück­schauen, stan­den die «Infor­ma­ti­ons­ge­sell­schaft» und die «New Eco­nomy» damals jedoch eigent­lich erst am Anfang. Den­noch ver­schwan­den diese beiden Begriffe kom­plett aus der öffent­li­chen Debatte (was sich auch in der Aus­wer­tung der par­la­men­ta­ri­schen Vor­stösse zeigt).

Das Bewusst­sein für die gesell­schaft­li­chen und wirt­schaft­li­chen Folgen der digi­ta­len Ent­wick­lung ver­läuft in Zyklen und Wellen. Sicht­bare Inno­va­ti­ons­schübe wecken Phan­ta­sien und lassen Schre­ckens­sze­na­rien erblü­hen. Ver­brei­tung und Gewöh­nung haben dann zur Folge, dass das Trans­for­ma­tive weni­ger wahr­ge­nom­men wird, wäh­rend es jedoch oft erst recht Wir­kung ent­fal­tet.

Der Moni­tor «Daten­ge­sell­schaft und Soli­da­ri­tät» hatte bei seinem ersten Erschei­nen 2018 einen Moment erfasst, als die Erre­gung auf dem Höhe­punkt stand. Die jähr­li­che Erhe­bung macht nun sicht­bar, wie sich die Wahr­neh­mung der Digi­ta­li­sie­rung, aber auch das Ver­hal­ten in der digi­ta­len Gesell­schaft seit­her ver­än­dern. Dabei wird bereits jetzt auf ver­schie­dens­ten Ebenen ein Wandel der Wahr­neh­mung greif­bar. Die Vision der Daten­ge­sell­schaft scheint zwar nach und nach an Schre­cken zu ver­lie­ren, die Aus­wir­kun­gen auf die gesell­schaft­li­che Soli­da­ri­tät werden weni­ger nega­tiv beur­teilt. Zugleich trans­for­miert sich jedoch das tat­säch­li­che Ver­hal­ten immer stär­ker: Der digi­tale Leis­tungs­druck nimmt zu und die Akzep­tanz etwa für ver­hal­tens­ab­hän­gige Prä­mien auf Basis einer digi­ta­len Lebens­ver­mes­sung wird grös­ser.

Den gesam­ten Bericht können Sie hier her­un­ter­la­den (PDF): DE / FR

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