Die Verschwyzerung der Schweiz

erschienen im Tages-Anzeiger am 20.11.2015

Zäh und scheinbar unaufhaltsam wie ein durchfeuchteter Hang im grasigen Voralpenland rutscht die Schweizer Politiklandschaft seit 20 Jahren zentimeterweise Richtung rechts. Zwar gab es in den 1990er-Jahren eine Zeit, da hemmte ein erstarkender rot-grüner Pol diese Bewegung. Von Polarisierung war die Rede. Und polarisiert wird bis heute. Doch was die Wählerstärke betrifft, wächst seit Beginn des neuen Jahrhunderts nur noch einer der beiden Pole – und zwar der rechte. Seit dem Wahlsonntag wissen wir: Auch die neue und nun schon alte Mitte kommt offenbar nicht gegen diese politische Schwerkraft an. Wie ist es möglich, dass in der Schweiz das national-konservative Lager über eine ganze politische Generation hinweg fast nur zulegen konnte? Was lässt den Untergrund zum Rutschen bringen? Es sind Wirkkräfte an der Basis der Gesellschaft, die ganz unabhängig von Parteigrössen, Werbemillionen und Medienkampagnen diese Entwicklung fast unvermeidlich machen.

Unter dem Druck der Globalisierung verschmilzt die vernetze, hochmobile Welt zwar nicht wie oft behauptet zum globalen Dorf, aber immerhin zu einer Art globaler Agglomeration. Die Welt verwandelt sich mehr und mehr zu einem planetweiten Ballungsraum, und in diesem Gefüge ist die reiche Schweiz eigentlich nichts anderes als ein überdimensionales Villenviertel. Sie ist ein Ort mit hohen Einkommen und tiefen Steuersätzen. Die Lebenshaltungskosten sind beachtlich, aber sie werden mit viel See- und Bergsicht abgegolten. Erinnert Sie diese Aufzählung nicht an etwas? Genau: Innerhalb Europas ist die Schweiz in etwa dasselbe wie Schwyz, das Steuer- und Millionärsparadies, innerhalb der Schweiz. Und die Parallele geht weiter: Bevor Schwyz dank Zürichnähe, netter Landschaft und geschicktem Haushalten zu boomen begann, war es ein armer Bauernkanton. So wie das auch die Schweiz als Ganzes einmal war. Weil Wohlstand besser schmeckt als Bauernscholle, setzen die beiden Schwyzen heute alles daran, attraktiv zu sein. Seit dem alten Rom ist klar, dass das nie geht ohne Sogwirkung nach aussen. Im globalen Ballungsraum bleiben die attraktiven Orte nicht unbekannt. Und gerade das löst bei einem stets wachsenden Bevölkerungsteil im Schweizer Villenviertel Abwehrreaktionen aus.

Das Sein prägt das Bewusstsein, wusste schon Karl Marx. Je mehr die Welt verschmilzt, desto mehr beginnen die Schweizer und Schweizerinnen, wie echte Villenbewohner zu denken. Wer will schon die eigene Wohlfühloase mit allzu vielen teilen? Dafür schärfen die gebeutelten Bewohner in den griechischen und spanischen Südquartieren des europäischen Ballungsraums ihr linkes Bewusstsein. Der Klassenkampf findet heute auch zwischen Nationen statt. Es ist ein Kampf um Kapital und vor allem um Einschluss und Ausschluss in und von begehrten Räumen. Es passt also durchaus, dass neben der SVP neuerdings auch die FDP zu den Wahlsiegern gehört. Villenbewohner haben viel und können viel verlieren. Sie sehen ihren Wohlstand als hart verdient und erarbeitet an – selbst wenn sie ihn nur erbten. Finanzausgleich mögen sie nicht. Ganz gleich ob nach Uri, Bern oder in den europäischen Süden.

Der Kanton Schwyz ist der konservativste und neben Zug und Nidwalden auch der neoliberalste aller Kantone der Schweiz. Hier stellt die SVP nicht nur beide Ständeräte, sondern neu auch zwei von vier Nationalratsmitgliedern. Im Durchschnitt der beiden Kammern ist das eine Dreiviertelmehrheit. Dass in der Kantonsregierung das letzte linke Mitglied längst schon den Stuhl geräumt hat, erstaunt nicht.

Es braucht noch viel, bis die Schweiz vollständig verschwyzert ist. Fünf Rechtsrutsche wie jener vom Wochenende, und es wäre so weit. Doch anders als Schwyz hat die Schweiz starke urbane Zentren, die der Verschwyzerung entgegenwirken, und anders als in Schwyz ist ein grosser Teil der Restschweiz durchaus bereit, für einen guten Service public zu zahlen.

Bemerkenswert ist, dass sich auch die SVP-Traumwelt am Fuss der Mythen bislang auf keine Weise von den Kräften der Globalisierung distanziert. Im Gegenteil: Der tief sitzende Drang nach Wohlstand heizt den Kreislauf nur noch weiter an. Auch in den fetten, grünen Voralpen gibt es Kräfte, die sind stärker als der Drang nach rechts.

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