In der Schweiz will man beides

«Sie wollen beides» lautet das Fazit einer neuen Studie der Forschungsstelle sotomo, in der die Lebensentwürfe von Schweizerinnen und Schweizern zwischen Wunsch und Wirklichkeit untersucht wurden. Die Studie geht verschiedenen Facetten des Lebens nach und fragt nach der Wichtigkeit von Familie oder Beruf, der Präferenz für Stadt oder Land, der Erwartung bzw. dem Zugeständnis von Treue in der Beziehung sowie dem Konsum ohne Einschränkung oder Umweltbewusstsein.


Schweizerinnen und Schweizer lieben die Freiheit ebenso wie die Sicherheit: Man liebt Freiräume und die Ungebundenheit (87 %), legt aber gleichzeitig Wert auf die Art von Einbettung, Absicherung und Geborgenheit (89 %), die in Sicherheit wurzelt. Dieses Beides-Wollen ist symptomatisch für viele Aspekte des Lebens, wie eine Untersuchung der Forschungsstelle sotomo im Auftrag der Krankenkasse KPT zeigt, bei der 16’600 Menschen zum Thema Lebensentwürfe zwischen Wunsch und Wirklichkeit befragt wurden.

Vaterzeit ohne Einschränkung der Karriere

Knapp die Hälfte der Männer mit Kinderwunsch in der Schweiz (47 %) geben an, der Familie den Vorrang gegenüber der Karriere einzuräumen und mehr Zeit mit ihrer Familie verbringen zu wollen. Für nur 6 % steht die Karriere im Vordergrund. Augenfällig ist aber, dass gerade die Väter mehr arbeiten als ihre kinderlosen Altersgenossen: 9 von 10 Väter im Alter von 35 bis 54 Jahren investieren in ihren Beruf, erhöhen ihr Arbeitspensum und sind voll erwerbstätig. Bei den gleichaltrigen Nichtvätern sind gerade einmal 8 von 10 voll erwerbstätig. Entsprechend erachtet nicht einmal jeder fünfte Vater (18 %) in dieser Altersgruppe die Möglichkeit von Teilzeitarbeit oder flexibler Arbeitszeit als wichtig. Die Väter wollen beides – mehr Familienzeit, aber ohne Einschränkung der beruflichen Perspektiven. Letztere haben jedoch in der Regel Vorrang.

Umweltbewusstsein ja, aber kein Verzicht auf Konsum

Eine Mehrheit der Befragten (59 %) schätzt Umweltbewusstsein als wichtig oder sehr wichtig ein, will jedoch auf Genuss und Konsum nicht verzichten. So ist ressourcenintensives Verhalten wie lange Arbeitswege oder das Wohnen im Einfamilienhaus in dieser Gruppe genauso verbreitet wie bei allen anderen. Sogar das Vielfliegen (mehr als eine private Flugreise pro Jahr) ist bei den Indifferenten nur mässig häufiger als bei den Umweltbewussten (43 gegenüber 40 %). Ökologische Ideale wirken sich also kaum auf das Verhalten aus, wenn sie mit Verzicht und Einschränkungen verbunden sind. Einzig bei den Bio-Lebensmitteln wirkt das Umweltbewusstsein: 74 % der Umweltbewussten erachten sie als wichtig, jedoch nur 37 % der Indifferenten.

Treue in der Beziehung wird erwartet, aber nicht immer selbst gelebt

Die häufigste Lebensform in der Schweiz ist das Leben in einer festen Beziehung. Hier erwartet man zu gut zwei Dritteln (67 %) absolute Treue vom Partner oder von der Partnerin: Nicht einmal jede zehnte Person (9 %) toleriert einen One-Night-Stand des Partners oder der Partnerin, und gerade einmal 4 % dulden eine Affäre. Gleichzeitig gibt aber nur etwas weniger als die Hälfte (47 %) an, sich selbst an die vom Partner erwartete Treue zu halten. Am stärksten weichen das geforderte Ideal und die gelebte Realität bei den Affären voneinander ab: 96 % tolerieren keine Affäre beim Partner, aber nahezu jede vierte Person (24 %) hat selbst schon eine Affäre gehabt. Auch im Beziehungsleben zeigt sich das mit der Treue verbundene Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit, das von einer Mehrheit gern in Anspruch genommen wird. Die Einschränkung der eigenen Freiheit wird gleichzeitig jedoch von weniger als der Hälfte akzeptiert. Man erwartet also Treue, hält sich aber selbst längst nicht daran.

Naturliebhaber fördern die Zersiedelung

Für 2 von 3 Schweizerinnen oder Schweizern ist ein Leben in einer schönen Landschaft und in Naturnähe die Idealvorstellung, wobei die Bevölkerung in den Ballungsräumen zunimmt. Gleichzeitig ist neben Naturnähe aber auch die Verkehrsanbindung von grosser Bedeutung (48 %) – der Wunsch nach beidem lässt sich in der Praxis aber nicht immer gleichwertig realisieren. Augenfällig ist, dass gerade jene, welche sich nach einem Leben in ländlicher Idylle sehnen und eine schöne Landschaft als wichtiges Kriterium für ihre Wohnsituation angeben, vermehrt zur Bodenbeanspruchung und -versiegelung beitragen: Sie pendeln im Schnitt weiter zu ihrem Arbeitsort und leben häufiger in einem Einfamilienhaus als die Stadtbewohnerinnen und -bewohner (38 zu 28 %). Und obwohl in der Schweiz nur eine Minderheit auf dem Land lebt, ist das Leben in ländlicher Idylle die Sehnsucht der meisten. 64 % können sich vorstellen, auf dem Land zu leben, während dies nur zu 26 % für die Stadt gilt.

Der Bericht zur Studie ist hier verfügbar.

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