Werden wir im Alter konservativ?

(erschienen im Tages-Anzeiger 8.9.2015)

Verändert sich unser politisches Profil, wenn wir mehr Verantwortung übernehmen, uns um eine eigene Familie sorgen müssen oder sich unser Lebenskreis zu schliessen beginnt? Statt bloss über diese alte Frage zu spekulieren, habe ich in einer neuen Studie* das Abstimmungsverhalten von vier Generationen in der Schweiz über 30 Jahre verfolgt. Im Zentrum der Untersuchung stehen Abstimmungen zur Migrationsthematik. Die Einstellung zu Fremden ist heute die Kernfrage der politischen Identität – die aktuelle Flüchtlingsdebatte zeigt es einmal mehr.

Die faszinierende Erkenntnis: Drei der vier untersuchten Jahrgangsgruppen sind sich in ihrer Einstellung zu Fremden treu geblieben. Nur eine hat eine markante konservative Wende vollzogen. Zu den Treuen gehört die älteste der untersuchten Generationen. Diese aus den Zwischenkriegsjahrgängen 1926 bis 1940 gebildete Jahrgangsgruppe stand schon vor dreissig Jahren für eine konservative Migrationspolitik ein und macht es heute im fortgeschrittenen Alter nicht anders. Auch die Nachkriegsgeneration der zwischen 1941 und 1955 Geborenen ist sich mit ihrer mittleren Position zwischen Öffnung und Abgrenzung treu geblieben. Es ist die Jahrgangsgruppe von 1956 bis 1970, die eine markante Wende vollzogen hat. Einst war dies die progressivste aller Generationen, heute stimmt sie etwas konservativer als der Schnitt.

Ein hoch politisiertes Umfeld

Es ist die Jahrgangsgruppe, die im Nachgang zu den Studentenunruhen von 1968 politisch sozialisiert wurde. Die aktiven Achtundsechziger waren noch eine schmale studentische Avantgarde. Wer jedoch als junger Mensch zwischen 1970 und den 1980er-Jugendunruhen, die sich in der Schweiz besonders heftig entluden, sein politisches Bewusstsein formte, tat dies in einem hoch politisierten Umfeld. Aus den 1968er-Studentenprotesten wurden breite gesellschaftliche Bewegungen für Umwelt, Dritte Welt, Feminismus, gegen AKW und Atomraketen. Der vom Politologen Ronald Inglehart beschriebene Wertewandel zu post­materiellen Werten schien damals überall greifbar. Die Bewegungen wurden breiter und verengten sich oft ideologisch – bis hin zum extremen Rand des RAF-Terrorismus.

Wie die Auswertung des Abstimmungsverhaltens nun zeigt, ist es genau diese bewegte, in einem dogmatischen Umfeld geprägte Generation, die eine konservative Wende vollzogen hat. Es ist die Generation von Markus Somm und Roger Köppel. Die zwischen 1956 und 1970 Geborenen sind keine gleichgeschaltete Truppe. Dennoch finden sich unter ihnen besonders viele, die bei sich erst schleichend, dann offenbar immer deutlicher ein Unbehagen mit der Zuwanderung, mit dem Islam und ganz generell der gesellschaftlichen Öffnung entdeckt haben – entgegen ihrem progressiven Selbstverständnis.

Das ist keine Alterserscheinung und auch kein allgemeiner konservativer Backlash. Es ist ein Generationenphänomen. Es ist eine verspätete Korrektur einer auf Offenheit und progressive Positionen getrimmten Generation.

Die Jüngeren bleiben entkrampft

Tatsächlich zeigt die Analyse des Abstimmungs­verhaltens bei den nachfolgenden Jahrgängen 1971 bis 1985 keine Anzeichen für eine konservative Wende. Die ideologisch entkrampfte Generation Golf, oder wie immer man sie bezeichnen will, war nie übermässig progressiv. Doch anders als die Generation der Bewegten hat sie ihr leicht offenes Profil in der Migrationspolitik bis heute bewahrt.

Die Unterschiede in der Entwicklung der Generationen zeigen es schön: Eine konservative Wende ist nicht vorgezeichnet. Besonders im Umgang mit Fremden leben wir aber alle in einem Spannungsfeld. Alle kennen Ängste und Skepsis. Und doch können die meisten von uns Empathie entwickeln, wenn das Fremde ein Gesicht erhält, und die meisten finden sich im Alltag in einem zunehmend internationalen Umfeld zurecht. Wenn uns die konservative Wende der bewegten Nach-68er-Generation dabei etwas lehrt: Auf Dauer bleiben unsere Wertorientierungen nur stabil, wenn wir uns nicht nur auf unsere progressive Seite versteifen. Wenn wir uns rechtzeitig mit unserem konservativen Selbst aussöhnen, müssen wir dafür unsere Offenheit nicht über Bord werfen.

* Studie im Auftrag der Integrationsförderung der Stadt Zürich. Diese wird an der Zürcher Migrationskonferenz vom 17. September vorgestellt.

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