Digitale Lebensvermessung und Solidarität

Die aktu­elle Kon­tro­verse um die Daten­skan­dale bei Face­book und Cam­bridge Ana­ly­tica zeigt die Wich­tig­keit einer brei­ten Debatte über die Wei­ter­ver­wer­tung per­sön­li­cher Daten­pro­file. Die vor­lie­gende Studie, welche die For­schungs­stelle sotomo im Auf­trag der Stif­tung Sani­tas Kran­ken­ver­si­che­rung erstellt hat, unter­sucht den Stand der Lebens­ver­mes­sung in der Schweiz. Es geht um Fragen wie: Betei­li­gen sich die Men­schen in diesem Land aktiv an der digi­ta­len Ver­mes­sung ihres Lebens? Wie gehen sie mit dem Sam­meln ihrer per­sön­li­chen Daten durch Dritte um? In dieser Studie geht es aber nicht nur um die digi­tale Lebens­ver­mes­sung an sich, son­dern ins­be­son­dere auch um die Ein­schät­zung der Folgen für den gesell­schaft­li­chen Zusam­men­halt.

Aktive Lebensvermesser

Rund die Hälfte der Erwach­se­nen in der Schweiz zeich­nen heute mit dem Smart­phone oder einem ande­ren trag­ba­ren Gerät Akti­vi­tä­ten und Zustände ihres Lebens auf. Wei­tere 20 Pro­zent haben eine Ver­mes­sungs­an­wen­dung zumin­dest schon aus­pro­biert. Am belieb­tes­ten ist das Prüfen der täg­lich zurück­ge­leg­ten Schritte, danach folgt das Auf­zeich­nen von Routen und von Leis­tun­gen im Sport. Die fit­ness­be­zo­gene Selbst­ver­mes­sung führt bei vielen – näm­lich annä­hernd der Hälfte der Nut­zen­den – auch zu Ver­hal­tens­än­de­run­gen.

Schutz der Privatsphäre steht im Alltag oft im Hintergrund

Viele Bewoh­ne­rin­nen und Bewoh­ner der Schweiz betei­li­gen sich am Trend zur Selbst­ver­mes­sung. Über 70 Pro­zent geben jedoch auch an, aus Daten­schutz­grün­den bestimmte Funk­tio­nen ihres Smart­pho­nes, etwa die Stand­ort­be­stim­mung, zu deak­ti­vie­ren. Gene­rell zeigt es sich jedoch, dass der Schutz der Pri­vat­sphäre vor allem dann ein Argu­ment ist, wenn auf eine Anwen­dung leicht ver­zich­tet werden kann. So geben knapp 20 Pro­zent an, aus Daten­schutz­grün­den auf das Spei­chern in der Cloud zu ver­zich­ten. Es sind dies jedoch vor allem Per­so­nen, die gene­rell nur wenige digi­tale Anwen­dun­gen nutzen. Dage­gen ver­zich­tet prak­tisch nie­mand aus Daten­schutz­grün­den auf den Gebrauch von Such­ma­schi­nen, Instant Mes­sen­ger (wie Whats­App) oder Gratis‐Email.

Skepsis gegen Datensammeln durch Dritte

Rund die Hälfte der Befrag­ten stimmt der Aus­sage zu, dass mehr erfasste Daten zu bes­se­ren indi­vi­du­el­len Ange­bo­ten führen. Zugleich wird das Sam­meln per­sön­li­cher Daten durch Dritte jedoch kri­tisch gese­hen. So nutzen zwar 70 Pro­zent der Befrag­ten Gratis‐Email und mehr als 80 Pro­zent Instant‐Messaging‐Dienste, nur 14 Pro­zent finden es jedoch in Ord­nung, wenn ihre Daten­spu­ren als Gegen­leis­tung für die Nut­zung von Gra­tis­an­ge­bo­ten ver­wen­det werden. Die Vor­stel­lung, dass es für den Bezug einer Dienst­leis­tung einer Gegen­leis­tung bedarf, ist im Kon­text des Inter­nets kaum ver­an­kert.

Skepsis auf übergeordneter Ebene

Ein gros­ser Teil der Schwei­zer Bevöl­ke­rung nutzt digi­tale Ange­bote rege und im Alltag auch meist ohne Daten­schutz­be­den­ken. Trotz der Offen­heit für die digi­tale Daten­er­fas­sung ist die Ein­schät­zung der per­sön­li­chen Folgen der Digi­ta­li­sie­rung ambi­va­lent. Gera­dezu pes­si­mis­tisch ist die Wahr­neh­mung einer Welt tota­ler Lebens­ver­mes­sung. Nur gut ein Drit­tel steht hinter fol­gen­der Aus­sage: «Der digi­tale Wandel bringt vor allem Fort­schritt und neue Mög­lich­kei­ten.» Eine grosse Mehr­heit der Befrag­ten geht davon aus, dass jene, die Zugang zu per­sön­li­chen Daten haben, an Macht und Ein­fluss gewin­nen. Wer dabei am meis­ten Ein­fluss gewinnt und wer am meis­ten ver­liert, ist für die Befrag­ten klar. Zwei Drit­tel gehen davon aus, dass inter­na­tio­nale Kon­zerne am meis­ten an Ein­fluss gewin­nen. 74 Pro­zent gehen davon aus, dass die Bür­ge­rin­nen und Bürger am meis­ten ver­lie­ren.

Verlust an Individualität befürchtet

Den Befrag­ten wurde eine Aus­wahl von 10 Stich­wör­tern vor­ge­legt, aus denen sie jeweils jene drei Begriffe aus­wäh­len konn­ten, die sie am meis­ten und am wenigs­ten mit einer Welt der tota­len Daten­er­fas­sung ver­knüp­fen. Es sind über­wie­gend eher nega­tive Begriffe, die damit in Ver­bin­dung gebracht werden, am häu­figs­ten ist dies «Kon­trolle und Über­wa­chung» gefolgt von «Ver­lust von Indi­vi­dua­li­tät».

Solidarität und Eigenverantwortung herausgefordert

Eine Mehr­heit der Befrag­ten (60%) geht davon aus, dass die fort­schrei­tende Akku­mu­la­tion per­sön­li­cher digi­ta­ler Daten einen nega­ti­ven oder sehr nega­ti­ven Ein­fluss auf die Soli­da­ri­tät inner­halb der Gesell­schaft hat. Eine solche Welt wird oft mit Kon­trolle, Effi­zi­enz und Leis­tungs­druck in Ver­bin­dung gebracht. Fast ebenso häufig wie die Soli­da­ri­tät sehen die Befrag­ten aller­dings auch die Eigen­ver­ant­wor­tung durch das Auf­zeich­nen per­sön­li­cher Daten nega­tiv beein­flusst. Die Befrag­ten zeich­nen ein düs­te­res Bild einer Gesell­schaft, in der auf­grund der Digi­ta­li­sie­rung sowohl Soli­da­ri­tät als auch Eigen­ver­ant­wor­tung ero­die­ren. Trotz nega­ti­ver Beur­tei­lung der Aus­wir­kun­gen der digi­ta­len Daten­er­fas­sung betei­ligt sich eine grosse Mehr­heit per­sön­lich aktiv an der fort­schrei­ten­den Lebens­ver­mes­sung und erhofft sich davon offen­bar posi­tive Impulse.

Die gesamte Studie können Sie hier her­un­ter­la­den (PDF): DE/FR

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2018-06-15T15:05:46+00:00