«Wie geht's dir?»

«Wie geht’s dir?» ist eine all­täg­li­che Frage, die eini­ges aus­lö­sen könnte, jedoch oft vieles ver­deckt. Die Stif­tung Pro Mente Sana wollte wissen, wie es den Men­schen in der Schweiz wirk­lich geht. Sie inter­es­siert sich dafür, wie offen und mit wem Schwei­ze­rin­nen und Schwei­zer über ihre psy­chi­sche Stim­mungs­lage spre­chen. Die For­schungs­stelle sotomo hat im Sep­tem­ber 2018 über 5500 Men­schen in der Schweiz zu ihrem psy­chi­schen Wohl­be­fin­den und zur Art wie sie darüber spre­chen online befragt. Die Befra­gungs­er­geb­nisse sind reprä­sen­ta­tiv für die erwach­sene Bevöl­ke­rung gewich­tet. Ent­stan­den ist dabei ein psy­chi­sches Stim­mungs­bild der Schweiz.

Psychisches Stimmungsbild

Obwohl die meis­ten Befrag­ten auf die Ein­stiegs­frage – «Wie geht es Ihnen heute?» – mit «gut» oder «sehr gut» geant­wor­tet haben, zeigt die Studie, dass sich hinter einer sol­chen ersten Ant­wort oft mehr ver­steckt als weit­ver­brei­tete gute Laune. Auf spe­zi­fi­sche Nach­frage gibt bei­nahe ein Fünf­tel der Befrag­ten an, sich gegen­wär­tig in einem länger dau­ern­den psy­chi­schen Tief zu befin­den. Nur ein Drit­tel ist der Mei­nung, selber noch nie eine psy­chi­sche Tief­phase erlebt zu haben. Fast alle Schwei­ze­rin­nen und Schwei­zer kennen schliess­lich in ihrem per­sön­li­chen Umfeld Per­so­nen, denen es psy­chisch nicht gut geht oder nicht gut gegan­gen ist.

Aus Sicht der Befrag­ten besteht ein brei­tes Feld von Grün­den, die zu einer psy­chi­schen Belas­tung führen. Beson­ders häufig werden Überlastung/Stress und zwi­schen­mensch­li­che Kon­flikte genannt. 12 Pro­zent der Befrag­ten geben an, dass sie im letz­ten Jahr durch Hoff­nungs­lo­sig­keit und Depres­sion belas­tet worden seien. 13 Pro­zent sehen sich durch Ängste beein­träch­tigt und 15 Pro­zent durch see­li­sche Erschöp­fung. Als wich­tig für ihr psy­chi­sches Wohl­be­fin­den erach­ten die Befrag­ten ins­be­son­dere genü­gend Schlaf und Erho­lung sowie kör­per­li­ches Wohl­be­fin­den. Auf­fäl­lig ist, dass Per­so­nen, die sich selber in einem psy­chi­schen Tief befin­den, viel häu­fi­ger als andere «über Pro­bleme reden können» als wich­ti­gen Faktor für das eigene psy­chi­sche Wohl­be­fin­den anse­hen. Die Bedeu­tung des dar­über Redens kommt auch bei der Frage nach der gewünsch­ten Reak­tion des Umfelds zum Aus­druck. Klar am häu­figs­ten nennen die Befrag­ten «mich ernst nehmen» und «mir zuhören», wenn es psy­chisch einmal nicht gut gehen sollte.

Darüber reden

Die Befra­gung zeigt: Für viele Men­schen ist es beson­ders wich­tig, dass ihnen jemand zuhört und sie ernst nimmt, wenn es ihnen psy­chisch nicht gut geht. Zugleich fürch­tet sich jedoch eine über­wie­gende Mehr­heit vor nega­ti­ven Reak­tio­nen, wenn ihr Umfeld erfah­ren würde, dass es ihnen psy­chisch nicht gut geht. Von psy­chi­schen Beschwer­den tat­säch­lich Betrof­fene fürchten sich dabei noch deut­lich mehr als Men­schen, die sich eine ent­spre­chende Situa­tion bloss vor­stel­len. Auch wenn die wenigs­ten eine eigent­li­che gesell­schaft­li­che Ächtung erwar­ten, ver­blei­ben sub­tile Ängste. Ver­brei­tet ist ins­be­son­dere die Befürch­tung, als nicht leistungsfähig oder schwach zu gelten. Letz­te­res gilt ganz beson­ders für junge Erwach­sene.

Die von den Befrag­ten wahr­ge­nom­mene Stig­ma­ti­sie­rung psy­chi­scher Erkran­kun­gen führt dazu, dass viele Men­schen in der Schweiz nicht offen dar­über spre­chen – viel weni­ger offen etwa als über kör­per­li­che Erkran­kun­gen. Aus Sicht der Befrag­ten wird in der Schweiz nur über das Ein­kom­men noch häu­fi­ger geschwie­gen als über psy­chi­sche Erkran­kun­gen. Im All­ge­mei­nen spre­chen jün­gere Men­schen offe­ner über schwie­rige, per­sön­li­che Themen als ältere. Bei den Themen Burn‐out und Depres­sion ist dieser Trend zu mehr Offen­heit bei Jün­ge­ren jedoch buch­stäb­lich zum Erlie­gen gekom­men. Hier sind die jungen Erwach­se­nen nicht offe­ner als die Men­schen mitt­le­ren Alters – jedoch immer noch offe­ner als die älteste Alters­ka­te­go­rie.

Die meis­ten Schwei­zer und Schwei­ze­rin­nen sind der Mei­nung, dass es wei­tere Anstren­gun­gen braucht, damit in der Schweiz offe­ner über psy­chi­sche Krank­hei­ten gespro­chen wird. Oft werden dabei mehr Wissen und weni­ger Tabus gewünscht. Gewünscht wird aber auch eine Dis­kus­sion über die Leis­tungs­ge­sell­schaft. Als nicht leis­tungs­fä­hig und schwach zu gelten, scheint heute das grösste Hin­der­nis für einen offe­nen Umgang mit psy­chi­schen Erkran­kun­gen zu sein – gerade auch bei Jün­ge­ren. Zugleich werden Überlastung/Stress am häu­figs­ten als Gründe für die eigene psy­chi­sche Belas­tung genannt. Dies zeigt, dass es nicht aus­reicht, wenn psy­chi­sche Erkran­kun­gen heute nicht mehr zur gesell­schaft­li­chen Äch­tung führen. Ein offe­ne­rer Umgang bedingt auch ein Über­den­ken der Erwar­tun­gen der Leis­tungs­ge­sell­schaft an jede ein­zelne und jeden ein­zel­nen von uns.

Den gesam­ten Bericht können Sie hier her­un­ter­la­den (PDF).

Mehr aus unse­rem Port­fo­lio finden Sie hier.
2018-10-10T14:05:42+00:00